Sonntag, 16. Oktober 2016

#2 Kleiner Schmetterling

Wider Erwarten war es gestern gar nicht mal so kalt und sogar die Sonne ließ sich ab und zu blicken. Ich nutzte dieses angenehme Wetter, um draußen im Hof etwas Ordnung zu machen.
Ich stellte die Stühle zusammen, räumte auf, fegte das Pflaster und jätete Unkraut.
Und inmitten dieser unschönenen Säuberungsaktion und dem durch aufziehende Wolken trübe gewordenen Sonnenlichts erkannte ich einen Schmetterling im Wassernapf unserer Katzen. Mit ausgebreiteten Flügeln trieb er darin und rührte sich nicht. Am Grund lag eine Raupe.
Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund machte es mich plötzlich traurig, etwas so Schönes an so einem Ort tot sehen zu müssen. War die Raupe in den Wassernapf gefallen und darin der Schmetterling geschlüpft, der bei seiner Geburt sofort ertrank? Eine grausame Vorstellung.
Ich wusste nicht so recht, was ich jetzt tun sollte und stellte den Napf erstmal auf einen Stuhl, damit ich dahinter fegen konnte.
Nachdem ich mindestens eine Stunde herumgewuselt hatte und meine Stimmung irgendwie gedrückt war, erblickte ich beim Vorbeigehen zufällig den Wassernapf und stellte fest, dass sich die Flügel des Schmetterling aufgerichtet hatten, sodass seine hässliche dunkle Seite zum Vorschein kam.
Wie war das möglich?
Ich trat näher, zog mir den Gartenhandschuh aus und steckte vorsichtig den Finger ins Wasser. Ich erschrak ziemlich, als der totgeglaubte Schmetterling plötzlich begann, mit seinen kleinen Beinchen zu strampeln und sich an meinem ausgestreckten Finger festklammerte.
Er lebte! Wie konnte das sein? Hatte er vielleicht nur gebadet? Baden Schmetterlinge überhaupt? Und vor allem so lange ohne sich zu bewegen?
Der kleine Kerl krabbelte an meinem Finger die Hand hinauf und kletterte an meinem Arm empor.
Ich setzte mich einen Moment auf einen der Stühle, hielt in der anderen Hand noch meinen ausgezogenen Handschuh umklammert, während eine laue Brise über meinen noch nassen Finger strich. Ich schaute in den Himmel, auf die Wolkenwand, die nun mit Sonnenlicht und einem verzauberten Glitzern getränkt war. Und wie der Schmetterling sich immer weiter empor kämpfte und auf meinem Kopf herumkrabbelte und es sich schließlich auf meinem Ohr bequem machte, überrollte mich ein eigenartiges Gefühl der Sorglosigkeit.
Wenn ein toter Schmetterling von den Toten auferstehen konnte, würde ich auch alles, was vor mir liegt, irgendwie schaffen, egal wie schwierig und unüberwindlich es sein mochte.
Bei dem Versuch, den kleinen Kerl mit meinem Handy zu fotografieren, ging es plötzlich aus, obwohl ich noch 36% Akku hatte. Es ist eben ein altes Exemplar. Lange Zeit begleitete mich der Schmetterling auf meinem Kopf, bis er irgendwann nicht mehr aufzufinden war. Seine Existenz konnte ich niemanden mehr beweisen, es war, als hätte es ihn nie gegeben.
Vielleicht war dieses Wunder aber auch nur für mich bestimmt.

Freitag, 14. Oktober 2016

# 1

Erleichtert kann ich berichten, dass ich die erste Semesterwoche relativ gut überstanden habe.

Am Montag saß ich schon über eine Stunde eher an der Uni herum, weil wegen der blöden Baustelle die Züge echt bekloppt fahren. Aber bevor ich überhaupt das Gebäude betrat, wurde ich von einer jungen, blonden Studentin angesprochen. Sie versuchte, mir ein kostenloses Probe-Abo der Frankfurter Allgemeinen sowie einer anderen Zeitung, die immer nur Freitag erscheint, aufzuquatschen. Im Normalfall sage ich bei sowas nein und sehe zu, dass ich verschwinde, aber die Blondine hat das gar nicht mal so dumm angestellt. Sie kam auf mich zugelaufen, ohne aufdringlich zu wirken und hat als erstes mit einer Zeitung gewedelt und gefragt, ob ich eine Ausgabe mal Probelesen wöllte. Da sagt man ja eigentlich nicht nein. Und vor allem bleibt man erstmal stehen.
Das war ihre Gelegenheit, um von der FAZ zu schwärmen, wie toll das wäre, sie 2 Wochen kostenlos ins Haus geliefert zu bekommen, man kann jederzeit kündigen blabla und außerdem würde sie 4 Euro bekommen, wenn ich zusage...Ich schaute in ihr leicht gerötetes Gesicht, mit der etwas unförmigen Nase, der Banküberfall-Mütze und den hellen Augen und dachte: ach was solls. Du bist heute mal nett. Sichtlich erfreut wurde das Antragsformular ausgefüllt, ich unterschrieb, fühlte mich irgendwie schlecht, lächelte aber und wurde doch prompt mit der nächsten Zeitung konfrontiert. Seufzend stimmte ich zu, hasste mich im selben Moment dafür, aber vielleicht würde sich das ja positiv auf mein Uni-Karma auswirken, redete ich mir ein.
Nachdem ich endlich innerhalb des wärmenden Gebäudes angekommen war, suchte ich mir einen Platz auf einer ner langen, massiven Holzbänken - die einzigen hellen Lichtpunkte eines ansonsten deprimierenden/modernen Hörsaalzentrums (wenn man von den eigenartigen, abstrakten Illustrationen absieht, die an die Wände geklatscht wurden. Sie wecken entweder tief verborgene Aggressionen oder Ängste. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Risiko eines Suizids beim betrachten dieser "Kunst" exponentiell zunimmt. Aber ich bin ja keine Künstlerin. Normale Menschen verstehen ja nichts davon). Die wenigen Studenten, die um diese Zeit ebenfalls in der Uni herumtrödelten, saßen jeweils immer an den äußersten Enden dieser Bänke. Obwohl ein äußeres, begehrtes Ende noch frei war, setzte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen einmal in die Mitte. Dort las ich den Artikel über Donald Trump und seinen Schäfchen, die ihm entlaufen waren. Meiner Meinung nach ist es ein Wunder, dass er überhaupt Schäfchen hatte - aber wir wollen hier nicht politisch werden.
Eine richtige Zeitung zu lesen (ich meine keine Intouch, Joy, Cosmopolitan usw) gibt einem das Gefühl irgendwie extrem gebildet zu sein, auch wenn man die meisten Artikel überspringt.
In meinem ersten und einzigen Seminar des Tages wurde ich wieder von einer Kommilitonin angesprochen, was mich ehrlich gesagt richtig freute. Meine Uni-Bekanntschaft würde dieses Seminar nicht besuchen und es war wie gesagt richtig angenehm, jemanden zum Reden zu haben. Sie war sehr nett und offen, daran erkennt man sofort, dass sie aus einem höheren Semester stammt. Desto jünger die Studenten, desto seltsamer und unumgänglicher sind sie. Sie jedenfalls hatte den Text ebenfalls nicht gelesen, nicht mal ausgedruckt, was sie mir auf Anhieb sympatisch erscheinen ließ. Dieses Semester war ihr letztes, jetzt ginge es an die Staatsexamensprüfungen.
Der Dozent des Seminars wirkte auch relativ sympatisch und man sah ihm an, wie sehr sein Fachgebiet vergötterte. Er redete wie jemand, der keine Notizen braucht, da er einfach aus vollem Interesse voll im Stoff steht. Es schien, als faszinierten ihnen seine eigenen Worte selbst und ein wenig wurde ich von dieser Hingabe auch angesteckt.

Der Dienstag hielt für mich ebenfalls nur eine Veranstaltung parat. Es war die zweite Psychologie-Vorlesung und hatte mit Psychologie wie auch Psycho I und III nicht wirklich viel zu tun. Natürlich kannte ich wieder niemanden. Verschüchtert saß ich 3 Plätze vom Rand entfernt und beneidete den typ vor mir, weil er eine Gummibärchentüte hatte. Und ich hatte nicht mal Schokolade mit :(
Der Hörsaal füllte sich nach und nach und letztendlich verirrte sich ein männliches Geschöpf auf den Platz zu meiner linken. Er trug ein interessantes Parfüm, das zugleich frisch und männlich roch und mich irgendwie...dazu brachte, ihm zumindest einen verstohlenen Seitenblick zu schenken. Dunkelblonde, zur momentan ach so modernes Superman-Frisur gestylt, Addidas-Sporttasche, olivfarbende Haut, enges T-Shirt, schmaler, aber definierter Körper.
Na sowas.
Und dann dauerte es keine zwei Minuten und er setzte sich ein paar Reihen vor mir zu einer Gruppe Studenten, angeführt von einer ungeschminkten, naturellen und ziemlich unscheinbaren Blondine.
So viel dazu.
Die Vorlesung war gelinde gesagt Zeitverschwendung. Zumindest hatte ich das Passwort für die Materialien und ich erfuhr, dass die Tutorien erst in der zweiten Woche beginnen. Ganz Klasse.

Am Donnerstag besuchte ich mit meiner Uni-Bekanntschaft einen Lektürekurs "Autorinnen des Mittelalters". Der Dozent im mittleren Alter trug übertrieben ordentliche Kleidung, wirkte aber sympatisch, wenngleich er null Erfahrung im Unterrichten hatte. Dinge zu fragen, die eh keiner wissen kann, macht nicht unbedingt Freunde. In Ermangelung geeigneten Inhalts ließ er schon nach einer halben Stunde gehen.
Nun hatte ich sogar noch länger als 2 Doppelstunden frei und vertrieb mir die Zeit in der Stadt. Ich tat all das, wozu ich sonst nie Zeit hatte, ging bummeln, erstand eine Strumpfhose mit Muster, Trüffel für Mama zu Weihnachten und hockte stundenlang im großen Thalia, studierte Buchrücken und staunte, las erste Seiten, manchmal erste Kapitel, war seltsam entspannt und glücklich, trotz der Massen von Menschen und der unbequemen Sitzgelegenheiten in penetrantem Rot.
Dann hatte ich noch ein Seminar in Deutsch, dessen Inhalt mir ehrlich gesagt ziemlich kompliziert vorkam. Politische Literatur ist nicht wirklich meins. Der Dozent war nett, keine frage, ich weiß, dass er für viele Studentinnen trotz seinen fortgeschrittenen Alters als attraktiv gilt (macht die Ausstrahlung), aber ehrlich gesagt, bin ich mir ziemlich unsicher, ob ich mich den Rest des Semester damit beschäftigen will. Das Ende vom Lied war, dass ich trotz Rennen, was echt peinlich ist, den Zug verpasste und nochmal 1,5 Stunden sinnlos am Bahnhof herumhockte. Hallo Bahnhof, lange nicht gesehen...

Sonntag, 9. Oktober 2016

Neuanfang, der 6.


Das neue Semester beginnt mit Regen, einem rauchgrauen Himmel und dem Duft nach nassem Laub.
Und wieder werde ich in Veranstaltungen sitzen, in denen ich niemanden kenne. Mein Jahrgang ist schon ein Semester weiter als ich, wegen dem blöden Urlaubssemester, das absolut nichts gebracht hat. Und jetzt sehe ich mich nur noch einer merkwürdigen Generation gegenüber, die mich ebenfalls für ziemlich seltsam hält. Die Mädchen wirken grundsätzlich irgendwie überheblich, sind zu kleinen Grüppchen zusammengeschlossen und bringen sich furchrbar gern ins Unterrichtsgeschehen ein. Sie melden sich ständig und glauben extrem viel und extrem Intelligentes zu sagen zu haben.
In Didaktik ist es am schlimmsten. Sie glauben ganz genau zu wissen, was Schüler fühlen und denken und wie man mit ihnen umgeht. Ihre Philosophie ist in etwa genauso weit von der Realität entfernt wie meine, nur dass sie das nicht wissen, Und ständig diese Spielchen. Es ist mir schleierhaft, wie man Theater o.Ä. so dermaßen verhunzen kann, dass es zu einer niveaulosen Kindergartenaufführung schrumpft, die der angeblich so gebildete Dozent als maßlos genial abstempelt und sich daran ergötzt.
Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich die einzige Verrückte oder die einzige Normale in diesem Haufen bin.
Ich bin gespannt, ob ich zufällig auf bekannte Gesichter meines Jahrgangs stoße und welche von den anderen wieder in meinem Seminar sitzen und mich ignorieren.
Wobei wir beim Stichwort wären; die wenigen männlichen Vertreter beachten mich überhaupt nicht. Nicht, dass ich große Bewunderungsbekundungen nötig hätte, aber jemanden zum reden zu haben, wäre ganz schön.
Ehrlich gesagt habe ich keine großen (positiven) Erwartungen an dieses Semester. Letztendlich werde ich versuchen, mich irgendwie durchzumogeln, bloß nicht aufzufallen und hoffen, dass es bald vorbei ist. Und wenn es dann bald vorbei ist, weiß ich nicht, wo die Zeit hin ist und habe das Gefühl, irgendwas verpasst zu haben.
Gute Vorsätze fürs neue Semester? Ich möchte einfach mehr vom Leben haben. Ich will nicht, dass wieder alles an mir vorbeirauscht. Ich will kreativ sein, ich will was erleben und ich will endlich spüren, wofür ich lebe.